|
liebetiger
In jedem Leben gibt es Ereignisse, die nicht geplant sind, oder an die der Mensch nicht gedacht hat. Nicht dass er sich manche Ereignisse nicht erhofft oder gar erträumt hätte, wie zum Beispiel einen Lottogewinn. Aber an andere Ereignisse hat der Mensch nicht gedacht, obwohl er weiß, dass sie existieren und auch ihn selbst treffen können und vielleicht auch werden. Mich traf die Nachricht vom Unfalltod meines Sohnes Ingo, zu einem Zeitpunkt, als ich glaubte mein Leben, nach den schmutzigen Grabenkämpfen einer Ehescheidung, wieder einigermaßen in den Griff bekommen zu haben.
Dieser Tiefschlag des Schicksals, verursacht durch die Unachtsamkeit eines Lastwagenfahrers, hat mich in die Knie gezwungen und mein Leben radikal verändert. Meine Gefühle und Erinnerungen habe ich damals aufgeschrieben. Zuerst nur für mich. Vom Schicksal gezwungen. Gegen den Schmerz und das eigene Vergessen. Dann für meinen Sohn. Zur wehmütigen Erinnerung an meinen besten Freund. Wie zur eigenen Therapie schrieb ich über Gedanken und Erinnerungen, die mich sonst zerfetzt hätten. Gedanken, die mich nachts aus dem Schlaf rissen, schweißgebadet, mit rasendem Puls. Hochgeschreckt in panischer Angst, den ausgestoßenen Schrei noch halb auf den Lippen hängen. Orientierungslos, nur langsam erkennend, dass es wieder nur ein Traum war.
Was als loses, teilweise wirres, unstrukturiertes Geschreibsel begann, bekam nach einigen Wochen eine neue Ausrichtung. Ich begriff, dass mein Leben eine dramatische Veränderung erfuhr, denn ich hatte nicht nur meinen Sohn, sondern auch einen Teil meiner geplanten Zukunft, verloren.
Mein Sohn Ingo würde nicht mehr wiederkommen; auch nicht nur zu Besuch. Er würde sich nicht verlieben, irgendwann eine Familie gründen und mich in dieser Reihenfolge zum Großvater machen. Nie würde ich Enkel haben, die auf meinen Knien schaukeln, Opa zu mir sagen und einige Ferientage oder Wochenenden bei mir verbringen. Eine Schwiegertochter würde ich nie kennen und lieben lernen. Und an meinem eigenen Grab würden keine Kinder stehen, selbstgepflückte Blumen bringen und um mich weinen.
Aus meinen Aufzeichnungen ist ein Buch geworden.
liebetiger - Erinnerungen an einen geliebten Menschen
|